{"id":1162,"date":"2014-10-24T10:19:00","date_gmt":"2014-10-24T09:19:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.agricola.ch\/?p=1162"},"modified":"2016-08-11T09:02:29","modified_gmt":"2016-08-11T08:02:29","slug":"wollen-uns-die-chinesen-ein-baeren-aufbinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/agricola.ch\/?p=1162","title":{"rendered":"WOLLEN UNS DIE CHINESEN EINEN B\u00c4REN AUFBINDEN?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Essay zu meinem Besuch des Panda-Parkes in Chendo, der Hauptstadt von Sechuan, im Oktober 2014<\/strong><\/p>\n<p>Wer kennt sie nicht, die putzigen schwarz-weissen Panda-B\u00e4ren als Signet f\u00fcr allen m\u00f6glichen Naturbereiche! Im Unterschied zum Braunb\u00e4r mit seinen Streif- und Raubz\u00fcgen im Alpenraum und den Grizzlies in Nordamerika hat\u00a0der Panda einen ausgezeichneten Ruf und macht Karriere beim WWF, als Namensgeber beim Fiat-Kleinwagen, war Maskottchen der olympischen Sommerspiele in Peking 2008: Ist das nur das Ergebnis geschickter Marktstrategien? ngg_shortcode_0_placeholder<\/p>\n<p>Unterwegs in die westlichen Gebiete der Provinz fuhren wir durch Wolong, einem Zentrum eines \u00d6kotourismus in die steilen und weiten Schluchten der zugeh\u00f6rigen Naturreservate von 200 000 Hektaren mit \u00fcber 100 F\u00fcnftausender, seit 1963 gesch\u00fctzt und Teil des UNESCO Naturerbes; leider ist die Station seit dem verheerenden Erdbeben von 2008 zur Zeit noch geschlossen; die Pandas der Beobachtungsstation wurden in ein anderes Zentrum verbracht: sie soll aber wieder ge\u00f6ffnet werden. Und in Chendo ist der Panda-B\u00e4ren-Park Besuchermagnet und gleichsam Zentrum eines aktuellen &#8222;B\u00e4renkultes&#8220;.<\/p>\nngg_shortcode_1_placeholder\n<p>Verleiht der Umstand, dass das Habitat des Panda gef\u00e4hrdet und er vom Aussterben bedroht ist, dem Panda unsere ungebrochene Anteilnahme? Oder hat dieser aktuelle B\u00e4renkult tiefere Ursachen und weiter reichende Wirkungen?<\/p>\n<p>Diese Fragen stellten sich mir, als wir im Oktober 2014 den Panda-Park in Chendo besuchten: Parkplatz und Umgebung auf j\u00e4hrliche Besucherstr\u00f6me in Millionen ausgerichtet \u2014 der Panda als heimliches Wappentier des Reichs der Mitte? Souvenir-L\u00e4den im ganzen Land bezeugen seine ungebrochene und bestens vermarkteten Beliebtheit.\u00a0ngg_shortcode_2_placeholder<\/p>\n<p>Wenn man den Panda als B\u00e4ren einordnet in die Geschichte des Zusammenlebens von B\u00e4r und Mensch, kommt man vielleicht auf die Spur dessen, was sich im Panda-Kult der Gegenwart sichtbar abspielt.<\/p>\n<p><em>Seit der Steinzeit sind B\u00e4ren in Jagdritualen verehrt worden. Ihre magische Bedeutung kommt in zahlreichen nordeurop\u00e4ischen und nordasiatischen Mythen zum Ausdruck. In Finnland gab es die Vorstellung, dass der B\u00e4r nur deshalb angreift, weil in ihn die Seele eines b\u00f6sen Menschen gefahren ist. In Sibirien wurde die Klugheit des B\u00e4ren damit erkl\u00e4rt, dass ein Mensch sich in ihn verwandelt habe. &#8230; Trommelnde Schamanen bereiteten die Jagd auf ihn vor. Nur M\u00e4nner durften sein Fleisch verzehren, wobei seine Knochen sorgf\u00e4ltig gesammelt und hoch an einem Baum oder auf einem Holzgestell im Wald abgelegt werden mussten. Es gab nordamerikanische Indianer, die einen B\u00e4rentanz auff\u00fchrten. In der mittelalterlichen christlichen Kunst galten B\u00e4ren als mit dem Teufel verbundene Bestien. Die in Europa seit dem Mittelalter durch schriftliche Quellen und Abbildungen belegte Zurschaustellung von dressierten B\u00e4ren lebt aus der Vorstellung von der Gef\u00e4hrlichkeit des wilden Tieres, das durch etwas so Sanftes wie Musik bezwungen wird und eine Transformation von einem magisch-animalischen zu einem kulturellen Wesen mitmacht.<\/em> (Wikpedia)<\/p>\n<p>Auch in vielen Namen spiegelt sich das hohe Ansehen des B\u00e4ren wieder, wie z.B. in Ursula, Bj\u00f6rn und Bernhard. In Nordamerika gilt Gro\u00dfvater B\u00e4r als Besch\u00fctzer, als Kr\u00e4uterkundiger, als m\u00e4chtiger Krieger und Heiler, der hoch in Ehren stand. Eine Weisheit aus dem Yukon besagt, der Mensch solle sein Sozialverhalten vom Wolf und sein Ern\u00e4hrungsverhalten vom B\u00e4ren lernen, da dieser nicht nur Fleisch, sondern auch Beeren und Kr\u00e4uter frisst. Weil der B\u00e4r durch seine ausgewogene Ern\u00e4hrung ein gro\u00dfes Heilpflanzenwissen besitzt, hei\u00dft es, dass man vom B\u00e4ren zum Kr\u00e4uterkundigen berufen wird, wenn er einem erscheint.<\/p>\n<p>In vielen indianischen Kulturen gilt der B\u00e4r als Besch\u00fctzer, K\u00f6nig der Tiere und wird als weiser Lehrer und Schutzpatron verehrt. Wenn der B\u00e4r in Ihr Leben schreitet, fordert er sie dazu auf, aus dem Winterschlaf zu erwachen und mit neuer Kraft dem Leben entegegen zu treten. Er gibt Ihnen Ruhe, um in brenzligen Situationen einen k\u00fchlen Kopf zu bewahren, aber auch und Mut, Neues zu schaffen und sich mit aller Kraft zu verteidigen, wenn es darauf ankommt.<\/p>\n<p>Bei den Griechen ist die Artemis, die Herrin der Tiere und Jagdg\u00f6ttin auch mit dem B\u00e4ren verbunden; in ihren lokalen Varianten die Bewohner mit ihrer wilden Natur und Landschaft.<\/p>\n<p>ngg_shortcode_3_placeholder\u00a0Schon im Fr\u00fchmittelalter hatte der Heilige Gallus im wilden Steinachtal am hilfreichen B\u00e4ren seine \u00fcberlegene geistig-christliche \u00dcberlegenheit demonstriert: Er trollte sich bekanntlich nach erf\u00fcllter Dienstleistung davon \u00a0&#8211; \u00a0um im Wappen der Stadt wie der beiden Appenzell wieder aufzutauchen, ganz \u00e4hnlich wie die Berner B\u00e4ren, die sogar im B\u00e4rengraben als Gefangene bis vor wenigen Jahren ihre gez\u00e4hmte Wildheit einem belustigten und ahnungslosen Publikum vorf\u00fchrten.<\/p>\n<p>Der B\u00e4r als Wappen- und Totemtier fasziniert, schreckt ab und verleiht Kraft: Es gibt Menschen mit B\u00e4renkr\u00e4ften, und im Schamanismus f\u00fchrt er tief hinein in animalische Natur- oder Seelenbereiche. Weit zahmer, aber nicht minder wirkungsvoll lebt der B\u00e4r oder das B\u00e4rlein als als st\u00e4rkendes, Schutz verleihendes und tr\u00f6stendes Wesen in den Kinderzimmern und Kinderb\u00fcchern und geniesst seit etwa 1900 als Teddy-B\u00e4r eine ungebrochene Popularit\u00e4t auch unter den Erwachsenen.<\/p>\nngg_shortcode_4_placeholder\n<p>Welches Licht f\u00e4llt von hier aus auf den von China ausgehenden globalisierten Panda-B\u00e4ren-Kult? <strong>Der Panda-B\u00e4r ist aus der Kinderstube, wo er als Teddy und Padington lebt, in die Natur ausgewandert.<\/strong> Aber er hat alle Wildheit verloren: hockend auf den Hinterbeinen verzehrt er mit seinen Vorderpranken gen\u00fcsslich seine geliebten Bambus-Stauden: das macht ihn ausgesprochen sympathisch! Und seine auff\u00e4llige F\u00e4rbung? Die Biologen r\u00e4tseln \u00fcber deren Herkunft und Funktion; sein Weiss-Schwarz als die kontr\u00e4rsten Farben lassen mich an das bekannte und ebenfalls globalisierte Symbol Yin Yang aus dem chinesischen Taoismus denken: Vereinigung der Gegens\u00e4tze.<\/p>\n<p>Um den Panda-Kult zu verstehen gen\u00fcgt die Fahrt durch die T\u00e4ler und Berge des westlichen Sechuan nicht: Auch die \u201eHochhaus-W\u00e4lder\u201c der chinesischen und globalen Grossst\u00e4dte geh\u00f6ren zu seinem &#8222;Aufstieg&#8220;: \u00a0Millionen von Menschen \u201evegetieren\u201c in Umgebungen der technischen Zivilisation, zwischen denen die Natur ininselartigen Parkanlagen verk\u00fcmmert, und alles nur zu oft unter einer gr\u00e4ulichen Smog-Decke.<\/p>\n<p>Woher beziehen Menschen in einer solchen\u00a0Umgebung ihre geistige Orientierung? Was lebt in ihnen als Erinnerung an seelische Paradiese? Welche Wegweiser haben sie zu Werten, von denen das \u00dcberleben von Zivilisation, Kultur und Natur abh\u00e4ngt? Kann dies geschehen im reiz\u00fcberfluteten Medien-Klima voller Konsumverlockungen und in einer v\u00f6llig s\u00e4kularisierten Kapitalismus-Unkultur?<\/p>\nngg_shortcode_5_placeholder\n<p>Ist hier vielleicht der zun\u00e4chst ebenfalls medial vermittelte Panda-Kult f\u00fcr Klein und Gross ein solches inneres Seelen- oder \u201eWahrbild\u201c? Es ist \u00a0zu hoffen, dass der\u00a0Panda, dessen Schutz die chinesische Regierung \u00e4usserst aktiv betreibt, die Menschen\u00a0\u00a0als Symbol innerlich st\u00e4rkt, wenn es darum geht, die Sch\u00e4den und Verk\u00fcmmerungen ihrer zivilisatorischen Grossstadt-Habitate wahrzunehmen und zu korrigieren.<\/p>\nngg_shortcode_6_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essay zu meinem Besuch des Panda-Parkes in Chendo, der Hauptstadt von Sechuan, im Oktober 2014 Wer kennt sie nicht, die putzigen schwarz-weissen Panda-B\u00e4ren als Signet f\u00fcr allen m\u00f6glichen Naturbereiche! Im Unterschied zum Braunb\u00e4r mit seinen Streif- und Raubz\u00fcgen im Alpenraum und den Grizzlies in Nordamerika hat\u00a0der Panda einen ausgezeichneten Ruf und macht Karriere beim WWF, als Namensgeber beim Fiat-Kleinwagen, war Maskottchen der olympischen Sommerspiele in Peking 2008: Ist das nur das Ergebnis geschickter Marktstrategien? Unterwegs in die westlichen Gebiete der&#8230;<\/p>\n<p class=\"read-more\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"https:\/\/agricola.ch\/?p=1162\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\"> Weiterlesen<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[14,11,29],"tags":[],"class_list":["post-1162","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anstossiges-anstosse","category-mit-rucksack-oder-rad","category-wegwarten-bitter-heilsame-kommentare"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1162","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1162"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1162\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1653,"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1162\/revisions\/1653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1162"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1162"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/agricola.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1162"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}